Das Erneuerungsprojekt ist für die Zukunft des Kunstmuseums existenziell. Eine Verschiebung der Wiedereröffnung ins Jahr 2032 hat schwerwiegende Folgen für den Museumsbetrieb sowie die Reputation des Kunstmuseums und sie riskiert Mehrkosten in Millionenhöhe.

Das Kunstmuseum St.Gallen ist das führende Kunstmuseum der Ostschweiz und besitzt internationale Ausstrahlung. Bedeutendere Kunstmuseen finden sich erst wieder in Zürich, München und Mailand.
Alle grossen und mittleren Kunstmuseen der Schweiz und im nahen Ausland verfügen heute über zeitgemässe und zukunftsfähige Gebäude. Mit einer Ausnahme: St.Gallen.

 

Grosse und mittlere Kunstmuseen in der Schweiz und im nahen Ausland. (Grün: zeitgemässe Gebäude. Rot: keine zeitgemässen Gebäude)

Grosse und mittlere Kunstmuseen in der Schweiz und im nahen Ausland. (Grün: zeitgemässe Gebäude. Rot: keine zeitgemässen Gebäude)

Das Museum verfügt über eine bemerkenswerte Sammlung, die Kunstwerke vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart umfasst und hat sich in den vergangenen 50 Jahren einen exzellenten Ruf als Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst erarbeitet. Seit 1989 führt Roland Wäspe das Museum als Direktor. Sein Vorgänger, Rudolf Hanhart, hatte dieses Amt seit 1953 inne. Beiden Kuratoren ist es gelungen, das Kunstmuseum St.Gallen kontinuierlich von einem regionalen zu einem international anerkannten Museum zu entwickeln. Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, da sie bereits in ihren Amtszeiten mit massiven baulichen Einschränkungen konfrontiert waren.

Geführt wird die ‘Stiftung Kunstmuseum St.Gallen’ vom Kunstverein St.Gallen, der 1827 als Zusammenschluss von Kunstschaffenden gegründet wurde und sich bereits damals zum Ziel setzte, einen Ort für die bildende Kunst in St.Gallen zu finden. Weitere Trägerinnen der Stiftung sind die Stadt St.Gallen und die Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Sie wird, so wie die Stiftungen für das Naturmuseum und für das Historische und Völkerkundemuseum, überwiegend von der Stadt St.Gallen finanziert.

Das Kunstmuseum besteht seit 1877 im Kunklerbau (erbaut 1877 vom St.Galler Architekten Johann Christoph Kunkler), der als Universalmuseum mit Mitteln der Ortsbürgergemeinde, des ‘Kaufmännischen Directoriums’ sowie Spenden der Bevölkerung erbaut wurde. Zwischen 1971 und 1987 war der Kunklerbau 16 Jahre lang wegen Baufälligkeit geschlossen. Es gab ernsthafte Überlegungen, ihn abzureissen. Erst die Gründung der ‘Stiftung St.Galler Museen’ und ein Gutachten der ETH Zürich führten zu einem positiven Volksentscheid, zur Sanierung und Erweiterung durch Marcel Ferrier sowie zur Wiedereröffnung im Jahr 1987.

Seit 1987 wurden keine wesentlichen Erneuerungsarbeiten am Gebäude vorgenommen. Mit dem Auszug des Naturmuseums verfügt das Kunstmuseum seit 2016 über zusätzliche Ausstellungsflächen. Im Untergeschoss dominieren heute jedoch Gänge, Nebenräume und monumentale Säulen. Auch sind die klimatischen Bedingungen im gesamten Gebäude für eine Kunstinstitution dieser Grösse ungeeignet. Das Erneuerungsprojekt modernisiert das Kunstmuseum nachhaltig, ermöglicht einen funktionsfähigen Museumsbetrieb und sichert die Zukunft des Museums.

Seit bald 150 Jahren steht der Kunklerbau an der Museumstrasse und überblickt von dort den heutigen Stadtpark. «Ein ehrendes Denkmal idealer Gesinnung», eine «Manifestation des Bürgersinnes» waren die Worte, mit denen am 8. Oktober 1877 das Museumsgebäude von Johann Christoph Kunkler (1813-1898) eröffnet wurde. Es gilt als eine der bedeutendsten klassizistischen Bauten der Schweiz. Zu seiner Eröffnung reiste der Gesamtbundesrat nach St.Gallen.

Der Eröffnung des Kunklerbaus als Universalmuseum ging eine lange Geschichte von Provisorien für die verschiedenen Sammlungen in der Stadt St.Gallen voraus.

1867 entsteht der Zusammenschluss von Ortbürgergemeinde, Kaufmännischem Directorium und der drei Vereine aus dem Umfeld der Natur, der Kunst und der Geschichte und Völkerkunde zur «Konferenz für die Erstellung eines Gebäudes für die städtische Sammlung».

1869 bildete die Kaufmännische Korporation einen Baufonds mit 25‘000 Franken, mit dem Ziel, ein reines Museumsgebäude zu erstellen. «Denn unsere Stadtbibliothek, unser Naturwissenschaftliches Museum, die ethnografisch-antiquarische Sammlung des historischen Vereins und die Gemäldesammlung des Kunstvereins, sie alle gehen in Folge Raummangels mit den raschesten Schritten Zuständen entgegen, deren längere Andauer von den nachtheiligsten Rückwirkungen auf sämmtliche Anstalten sein müsste», heisst es 1873 in einem Brief zur Mittelbeschaffung.

Im gleichen Jahr reicht Johann Christoph Kunkler sein erstes Projekt ein.

1870 erfolgt ein Spendenaufruf an die Bevölkerung – man rechnet mit einem Betrag von 250’000 Franken. Der Deutsch-Französische Krieg führt zum Unterbruch der Sammlung. 1873 jedoch ist der Betrag erreicht.

Schon bei der Eröffnung war klar, dass das Gebäude für alle darin enthaltenen Sammlungen zu klein war. Darüber hinaus gab es keine angemessenen Lagerflächen.

1901 zeichnete Gustav Gull (Stadtbaumeister Zürich) einen Anbau mit Kuppel, der den Platz verdoppeln würde. Der Entwurf wird jedoch nicht realisiert, da man erkennt, dass die Sammlungen geteilt werden müssen.

1903 stirbt Oberst Paul Kirchhofer und vermacht sein Haus an der Museumstrasse 27 der Stadt als Museum. Der damalige Direktor des Kunstmuseums Emil Bächler richtet nach dem Tod der Witwe Kirchhofer ein «naturhistorisches Heimatmuseum» ein. Die Platznot im Kunklerbau wird dadurch aber nur wenig gelindert.

Mit der Eröffnung des Historischen und Völkerkundemuseums 1921 gelang ein erster grosser Befreiungsschlag. Kunst- und Naturmuseum hatten von diesem Zeitpunkt an deutlich mehr Platz zu Verfügung.

1930 plante die Ortsbürgergemeinde eine Erweiterung der Kellerräume und beauftragte damit den St.Galler Architekten Ernst Fehr, der aber nicht nur einen Innenausbau, sondern auch weitreichende Änderungen an der Fassade plante. Die Umsetzung scheiterte an der Finanzierung.

Bis 1970 verzichtete die Ortsbürgergemeinde aus Kostengründen auf dringend notwendige Sanierungsarbeiten. Dies führte 1971 zur Schliessung des Museums wegen Baufälligkeit und ernsthaften Überlegungen, das historische Gebäude abzureissen.

1978: Gründung der Stiftung St.Galler Museen. Für den Unterhalt des Kunklerbaus, des Historischen und Völkerkundemuseums und des Kirchhoferhauses ist nun das Hochbauamt der Stadt St.Gallen zuständig.

1980 stimmten die Bürgerinnen und Bürger der Stadt für die Erhaltung des Museums und für einen Wettbewerbskredit zur Erlangung von Renovierungs- und Umbauvorschlägen. Entscheidend dafür war ein Gutachten der ETH Zürich von 1978, das den Kunklerbau als statisch qualitätvoll und sanierungswürdig einstufte.

Der Gewinner des Architekturwettbewerbes war Marcel Ferrier, der das Untergeschoss neu definierte und erweiterte. Die neue Nutzbarkeit des UG und die beiden halbrunden Anbauten (Annex Nord und Annex Süd) ermöglichten es dem Kunstmuseum, zusätzlich zum Obergeschoss weitere Räume im Erdgeschoss zu nutzen. Ebenfalls neu entstand der Kulturgüterschutzraum, der die beiden Museumsgebäude (den Kunklerbau und das Historische und Völkerkundemuseum) unterirdisch verbindet und von dem an der Oberfläche nur der Kamin im Stadtpark zu sehen ist.

Am 19. Juni 1983 stimmten die Stimmbürger dem von Marcel Ferrier ausgearbeiteten Umbauprojekt im Kostenrahmen von 19 Millionen Franken zu. Ein Blick auf die damalige Bauabrechnung zeigt, dass die Stadt St.Gallen für den Umbau 5.5 Millionen Franken investierte. Die Finanzmittel, die die beiden Kunstsammler Dr. Max Kuhn und Dr. A. Eversteyn-Grütter zusätzlich zu ihren Kunstsammlungen geschenkt hatten, wurden vollständig und in der Höhe von 9.6 Millionen Franken für den Ferrier-Umbau eingesetzt.

 

1987 wird der erneuerte Kunklerbau als Kunst- und Naturmuseum mit einer Kunstaktion von Roman Signer eröffnet.

Bereits 1997 war jedoch klar, dass das Kunstmuseum erweiterte und modernere Räumlichkeiten benötigt. Vor 23 Jahren, im Oktober 1997, wurde daher vom Kunstverein St.Gallen die «Gesellschaft für einen Ergänzungsbau des Kunstmuseums St.Gallen» gegründet. Ein Architekturwettbewerb wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 2001 durchgeführt, bei dem 140 Projekte eingereicht wurden. Das Siegerprojekt «Moby» wurde zur Weiterbearbeitung und Ausführung empfohlen. Der Stadtrat schloss sich mit Beschluss vom 5. Februar 2002 dieser Empfehlung an. Es wurde mit Baukosten in der Grössenordnung von 20 bis 25 Millionen Franken gerechnet. Die Walter und Verena Spühl-Stiftung sprach einen Beitrag von 12 Millionen Franken, der dann später für den Neubau des Naturmuseums eingesetzt wurde. Das Erweiterungsprojekt in den Stadtpark hinein wurde 2003 an der Urne mit 56% abgelehnt. Obwohl es vollständig privat finanziert gewesen wäre, scheiterte es wohl an der Umzonung eines kleinen Teils des Stadtparks.

Als folgerichtige Konsequenz initiierte Thomas Scheitlin, damals als Präsident der Stiftung St.Galler Museen, eine grundsätzliche Überprüfung der Entwicklungsmöglichkeiten für die drei grossen städtischen Museen. Daraus entstand die Strategie ‘3 Museen – 3 Häuser’. Neben der seit 2012 aufgeteilten Trägerschaft der drei Museen, umfasst die Strategie im Kern die bauliche Situation der Museen:

  • Das Historische und Völkerkundemuseum (HVM) wurde 2014 saniert.
  • Das Naturmuseum erhielt einen Neubau an der Rorschacherstrasse, der im November 2016 eröffnet wurde.
  • Das Kunstmuseum verblieb im Kunklerbau und wartet seither auf die Erneuerung.

Anlässlich der Eröffnung das sanierten HVM schrieb das St.Galler Tagblatt am 22. Februar 2014 unter anderem: (Link zum Artikel):

Und am Ende des Artikels folgte:

Zu diesem Zeitpunkt stand das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbes von 2012 bereits fest: Rita, Sue and Bob too von PARK Architekten, Markus Lüscher. Im Jahr 2017 folgte jedoch nicht wie geplant der Umbau, sondern erst eine gemeinsame Prüfung des Siegerprojektes durch das städtische Hochbauamt, Vertreter des Kunstmuseums und den Architekten. Einige Elemente des Siegerprojektes wurden angepasst, neue Lösungen mussten für die Anforderungen gefunden werden, die im Wettbewerb nicht gefordert waren. Dazu zählen unter anderem verschärfte Brandschutzvorschriften und die Klimatisierung des Gebäudes.

Im Februar 2020 wurde die sogenannte ‘Bestellung’ von den Vertretern der Stadtverwaltung und des Kunstmuseums unterzeichnet. Einer raschen Umsetzung des Projektes stand damals nichts mehr im Weg.